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Gerhart Hauptmann

Der Dichterkönig von Hiddensee

Im Sommer des Jahres 1885 besuchte der Dichter (1862-1946) zum ersten Mal die Insel Hiddensee. Er reiste zusammen mit seinem Bruder Carl und dessen Frau Martha sowie seinem Freund Hugo Ernst Schmidt, der als späteres Vorbild der Gabriel Schilling-Figur diente. Diesen kurzen Aufenthalt, bei dem das Gedicht MONDSCHEINLERCHE entstand, verbrachte er in Kloster in dem alten Gasthof von Schlieker.

Gerhart Hauptmann

Mit der Mondscheinlerche, die nachts singt, allerdings im Gebüsch sitzend, ist wahrscheinlich der Sprosser, die nordische Nachtigall gemeint, obwohl diese eher schluchzt als trillert. Denn trillernd, hoch oben in Licht badend, ist die Lerche vorzufinden, allerdings im Tageslicht. Mit dieser dichterischen Freiheit hat Gerhart Hauptmann der Hiddenseer Vogelwarte ein Rätsel hinterlassen. Trotz alledem ist die Mondscheinlerche ein Sinnbild von Einsamkeit, deren Gesang schöpferisch werden läßt. Und ein erster Eindruck Hauptmanns von der Insel und seinen Bewohnern war der von Weltabgeschiedenheit, Einsamkeit , Verlassenheit. Immer wieder griff Hauptmann das Motiv von Insel, Meer und Abgeschiedenheit in seinem Schaffen auf. Das Meer als Elementarmacht kehrte in Hauptmanns Gedankenwelt Inseln betreffend als vorherrschendes Thema wieder: Für den gebürtigen Binnenländer barg das Meer das Geheimnis allen Lebens. Er beschrieb es als reinigend und erlösend, aber auch als lebenszerstörend. Ähnlich verhält es sich mit dem Inselmotiv, das nicht nur Flucht sondern auch Zuflucht aus Welt und Zeit bedeutet.

Erst elf Jahre nach seinem ersten Hiddenseeaufenthalt, im Sommer 1896, besuchte Hauptmann die Insel wieder und wohnte in Vitte, dem einfachen Gasthaus von Freese. In diesem kleinen einfenstrigen Zimmer diktierte er seiner späteren zweiten Frau Margarete Marschalk große Teile seines Märchendramas DIE VERSUNKENE GLOCKE (1896). Im Glockengießer Heinrich zeichnete Hauptmann einen Künstler, der sich zwischen Frau und Geliebter nicht entscheiden kann und so beide verliert. Auch Hauptmann selbst schwankte zwischen Marie, seiner Ehefrau, und Margarete, seiner Geliebten. Die erste Ehe scheiterte. Die zweite Ehe war durch eine Liebschaft mit einer Schauspielerin allerdings nicht mehr zu erschüttern.

Ivo Hauptmann (1886-1973), ältester Sohn des Dichters und Dramatikers aus der Ehe mit Marie Thienemann, lebte nach der Trennung der Eltern 1894 mit seinen beiden Brüdern bei der Mutter in Dresden. Dennoch blieb eine lebenslange enge Verbindung zum Vater bestehen, der die künstlerische Entwicklung des ältesten Sohnes unterstützte und interessiert verfolgte. Um 1920 orientierte sich der Hauptmann-Sohn in künstlerischer Hinsicht neu und entwickelte sich im folgenden zu einem namhaften Vertreter des norddeutschen Expressionismus.

Die Atmosphäre Hiddensees inspirierte den Dramatiker Hauptmann in arbeitsreichen Sommerwochen. Er verfaßte die Dichtung GABRIEL SCHILLINGS' FLUCHT (1912), dessen Schauplatz die Insel in ihrer Abgeschiedenheit ist. Zu Beginn seiner Ankünfte auf Hiddensee, mußte Hauptmann sich zur Fährinsel übersetzen lassen und weiterfahren per Pferdefuhrwerk. In GABRIEL SCHILLINGS' FLUCHT wird diese etwas beschwerliche Ankunft beschrieben. Der Name der Insel in dem Drama lautet "Fischmeisters Oye". Die Namen des Scherzspiels SCLUCK UND JAU (1900) sind von Hiddenseer Fischern übernommen, denn Schluck und Gau kommen auf der Insel bis heute häufig vor.

1924 wohnte Gerhart Hauptmann gleichzeitig mit Thomas Mann in der Hotelpension Frau von Sydows, dem "Haus am Meer". Das schuf für die Manns verdrießliche Momente, denn auf Hiddensee galt Gerhart Hauptmann als der König, und Thomas Mann fand die Insel zu klein für zwei Große.
1929 erwarb Gerhart Hauptmann das Haus "Seedorn", welches schon 1930/1931 mit einem repräsentativen Anbau versehen wurde. Neben einem kleinen Wohnraum umfaßte dieser vor allem das gewaltige Arbeitszimmer des Dichters. Dieses wiederum ist durch einen Kreuzgang mit dem alten Haus verbunden. Bilder und Daten in den unteren Räumen der heutigen Gedächtnisstätte schildern das Leben und Schaffen Hauptmanns. Die reiche Bibliothek duldet suchende Hände interessierter Besucher. Bequeme Möbel stehen unverändert für die Gäste bereit.

Anfangs war die Insel nur Ort wiederholter Sommeraufenthalte, bald jedoch wurden die Hiddenseebesuche fester Bestandteil im Lebens- und Schaffensrhythmus des Dichters.
Neben etlichen anderen entstand in Kloster in den Sommermonaten zum Beispiel das Werk VOR SONNENUNTERGANG.
Der Dichter fand seine letzte Ruhestätte auf Hiddensee. Er starb in Agnetendorf in Schlesien, wurde mit einigen Schwierigkeiten, aber erfolgreich auf die Insel befördert und am 28. Juli 1946 auf dem Inselfriedhof bestattet.