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Asta Nielsen

Das runde Haus der Schauspielerin

Asta Nielsen wurde 1881 in Kopenhagen geboren. Kindheit und Jugend verbrachte sie in größter Armut. Mit einer dominanten und strengen Mutter, die es geschickt verstand, das beste aus den ärmlichen Lebensverhältnissen zu machen, erlitt sie durch den Tod des gutmütigen, aber schwerkranken Vaters einen schweren Verlust. Sie zählte erst vierzehn Jahre, als er starb. Früh zog es sie zum Theater. Sie spielte an verschiedenen Häusern und gab dem Experiment Film eine Chance.

Asta Nielsen

1910 übernahm die Nielsen ihre erste Filmrolle in AFGRUNDEN (ABGRÜNDE). Zu diesem Zeitpunkt war sie schon eine gefeierte Theaterschauspielerin. Sie wurde die Diva des frühen europäischen Films. Das erste Filmstudio in Babelsberg nutzte man für die Herstellung ihrer Kinokassenschlager. Wo immer sie auftrat, jubelte das Publikum. Asta Nielsen bestimmte die Mode, sie war der Inbegriff der selbständigen Frau. 1912 heiratete sie den Schriftsteller und Regisseur ihres ersten Filmes, Peter Urban Gad (1879-1947) mit dem sie dreiunddreißig Filme drehte. Mit der Trennung 1915 endete auch die Zusammenarbeit . Die Stummfilmkönigin gründete ihre eigene Produktionsgesellschaft, den "Art-Film", und verfilmte Shakespeare, Dostojewski, Ibsen, Strindberg, Wedekind.

In den zwanziger Jahren kaufte sich die vielumjubelte Schauspielerin das "Karusel" auf Hiddensee. Sie schrieb in ihren Memoiren:
"Schon die Reise dorthin erschien mir wie ein Märchen. [...] Eine halbe Stunde bevor wir anlegten, konnte ich bereits mein rundes Paradies entdecken, das ‚Karusel' das auf seine Gäste wartete. [...] Unter einem unfaßbar hohen und blauen Himmel, in Licht und Farben getaucht, die hier noch leuchtender waren als an anderen Orten des Nordens, die ich kenne, liegt die schmale, primitive Insel wie eine Oase in der Ostsee." [1]

Am Nordende von Vitte zur Boddenseite hin befindet sich jenes "Karusel", das runde Haus von Hiddensee, das in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts als Künstlertreff galt. Der Architekt Max Taut (1884-1967) entwarf den geschwungenen Rundbau für die dänische Schauspielerin. In seinen Bauten strebte er eine zweckentsprechende und moderne Gestaltung an.

1932 drehte die Nielsen noch einen Tonfilm, verließ aber bald nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten das Land. Die Künstlerin, in Dänemark geboren, in Schweden aufgewachsen, wurde durch ihre Arbeit in Deutschland bekannt. Schweren Herzens ging sie fort aus einem Land, das ihr in einem Vierteljahrhundert zur zweiten Heimat geworden war, weil sie unter einer Diktatur nicht leben wollte. 1939 zog sie sich endgültig vom Film zurück. Sie veröffentlichte 1946 ihre Memoiren unter dem Titel DIE SCHWEIGENDE MUSE.

Anfang der sechziger Jahre mußte die 83jährige Asta Nielsen den schwersten Schlag ihres Lebens verkraften. Ihre Tochter Jesta hatte Selbstmord begangen. Fast ein Jahrzehnt später, 91jährig, verstarb die Schauspielerin nach einem spannungsreichen, erfülltem Leben. Mit 86 Jahren führte sie zum ersten Mal Regie. Nachdem ein Film über ihr Leben nicht ihre Zustimmung fand, machte sie sich selbst an die Arbeit.

Mit Joachim Ringelnatz (1883-1934) verband die Nielsen eine langjährige Freundschaft. Er war oft zu Gast bei ihr auf Hiddensee. Die Photographie einer Werbung für ein seit Mitte der zwanziger Jahre auf Hiddensee ansässiges Photofachgeschäft zeigt den lächelnden Poeten und die dänische Stummfilmdiva, die frech in die Kamera blickt. Sie posieren entspannt vor dem Sommerhaus "Karusel". Bis 1933 trat das Multitalent in vielen deutschen Städten auf. Ringelnatz' Satire richtete sich unter anderem gegen bürgerliche Umgangsformen. Seine Lebensgrundlage war das Kabarett. Der singende Rhythmus, in dem er seine Verse aufsagte, verriet seine Passion als dichtender Matrose. Dankbar für die Freundschaft, die ihm die Nielsen entgegenbrachte, schrieb er Anfang der dreißiger Jahre das Gedicht: INSEL HIDDENSEE.

[1] Asta Nielsen: DIE SCHWEIGENDE MUSE, Henschelverlag, Berlin 1977, S. 366