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Farbfilm

... oder Die Lebensart des Einzelnen

Zwei Namen von Künstlerinnen, die einiges mit Hiddensee, aber nichts miteinander zu tun haben, werden hier im Artikel vereint. Denn beider Biographie ähnelt sich insofern, daß sie durch Repressalien das Land verließen, in dem sie aufwuchsen. Beide besuchten die Insel Hiddensee: Die eine vor ihrer Ausreise aus der DDR und mit einem Song in der Tasche, der ganz oben auf den Hitlisten zu finden war und der die Insel besingt; die andere nach dem Mauerfall als geladener Gast, um kritische Lieder zum Besten geben zu können.

Farbfilm

Die eine ist Nina Hagen. Sie wurde 1955 in Ost-Berlin als Tochter von Drehbuchautor Hans und Schauspielerin Eva-Maria Hagen geboren. Mutter Hagen, die in rund fünfzig DEFA-Filmen mitwirkte, begann nach der Trennung eine Beziehung mit dem Liedermacher Wolf Biermann.
Die kritische Haltung ihres Stiefvaters färbte auf Nina ab: 1967 schied sie "unehrenhaft" aus der Jugendorganisation FDJ aus. Später gewährte man ihr nicht den gewünschten Studienplatz an der Schauspielschule, obwohl sie das erforderliche Talent vorweisen konnte.

Scheinbar unverdrossen schlug sie eine Karriere als Musikerin ein. Nachdem sie 1974 eine Gesangsausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, tourte sie mit dem "Alfons Wonneberg Orchestra", "Fritzens Dampferband" und der ersten eigenen Kapelle namens "Automobil" durch die Clubs der DDR. Hier legte sie den Grundstein zu ihrem patzigen Vortragsstil und ihrer extrovertierten Bühnenshow. Sie rang dem Hit DU HAST DEN FARBFILM VERGESSEN eine Komik ab, die im Ost-Entertainment der siebziger Jahre einzigartig war. Sie besang in ihm die Insel Hiddensee mit ihren Sanddornsträuchern und versteckten Liebesnestern, die sie faszinierte, die ihr aber als Nische zu klein wurde.

Sie entwickelte sich zur Punklady, deren leidenschaftliche Auftritte allerdings erst nach ihrer Ausreise aus der DDR nach West-Berlin vollends zur Geltung kamen. Die ausdrucksstarke Stimme, überaus variationsreich eingesetzt, begründet bis heute ihren legendären Ruf.

Die andere ist Bettina Wegener. Sie wurde 1947 in West-Berlin geboren. Nach der Gründung der DDR im Jahre 1949 zogen ihre Eltern als überzeugte Kommunisten in den Ostteil der Stadt. Die Wegener lernte den Beruf Bibliotheks-Facharbeiterin. Ab 1966 besuchte sie die Berliner Schauspielschule. Als sie 1968 Flugblätter gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR verteilte, konnte sie einer Verhaftung nicht entziehen, aber die Strafe wurde schließlich zur Bewährung ausgesetzt. Sie sollte sich in der Produktion bewähren und arbeitete deshalb als Siebdruckerin in einer Fabrik.

Mit Freunden gründete sie den "Oktoberklub" und schloß sich der literarisch ambitionierten Band "Pankow" an. Das Abitur machte sie auf der Abendschule nach und bewarb sich für einen Studienplatz der Theaterwissenschaften. Weil zu unangepaßt, wurde sie abgelehnt und fing wieder an im Bibliothekswesen zu arbeiten. Durch ihre Hartnäckigkeit bekam sie die Chance am Zentralen Studio für Unterhaltungskunst zu studieren und erhielt ihr Diplom einer staatlich geprüften Schlagersängerin.

Diese Berufsbefähigung ermöglichte es einem DDR-Künstler erst, öffentlich auftreten zu dürfen. Bald leitete die Wegener eine Veranstaltungsreihe namens "Eintopp", in der Pop- und Jazzgruppen, Liedermacher und Schauspieler auftraten. Es dauerte nicht lange bis es zum Verbot der Reihe kam, doch die Künstler gründeten nun den "Kramladen", der von Staatsfunktionären aber ebenfalls geschlossen wurde. Die Auftrittsmöglichkeiten verringerten sich immer mehr.

1983 siedelte die Liedermacherin mit ihren beiden Kindern in den Westen über. Etliche Jahre behauptet sie einen festen Platz in der Liedermacher-Szene.
Seit dem Mauerfall sang sie auch schon mehrmals in der Hiddenseer Inselkirche vom Lebensanspruch des Einzelnen.