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Saisonarbeiter

Der Tangospieler oder Die Saisonarbeiter

1944 in Heinzendorf geboren, verbrachte Christoph Hein seine Kindheit in einer sächsischen Kleinstadt. Als Jugendlicher besuchte er eine Westberliner Schule, war aber seit 1960 wieder in der DDR ansässig. Er arbeitete auf Montage, als Buchhändler und als Assistent für Theaterregie. Von 1967 bis 1971 studierte er Philosophie und Logik in Leipzig und Berlin. Später arbeitete er dramaturgisch und schrieb als Autor für die Berliner Volksbühne am Rosa Luxenburg Platz. Seit 1979 wirkt er freischaffend.

Saisonarbeiter

Die Protagonisten seines Romanes DER TANGOSPIELER (1989) gehen zum Teil auf wahre Begebenheiten und Persönlichkeiten und auf eigene Erfahrungen zurück. Allerdings spielt die Handlung im Roman zu Beginn des Jahres 1968. Aber Hein machte seine Stücke und Geschichten nicht von ungefähr zur Projektionsfläche für Gegenwartsfragen. Der Tangospieler ist Hans Peter Dallow, Hauptperson dieses Buches. Er wurde nach 21 Monaten aus dem Gefängnis entlassen. Die Anklage lautete auf "Verächtlichmachung führender Persönlicheiten des Staates".

Dallow half als Tangospieler einer Politsatiregruppe von Studenten aus. Aber der Text, den er mit einem Tango begleitete, erregte Anstoß. Er verlor seine Arbeit als Oberassistent, kurzzeitig sich selbst und landete schließlich als Saisonkellner auf Hiddensee. Überraschender Weise kehrte Dallow nach den Unruhen in Prag an seine Universität zurück.

Im wirklichen Leben gab es zwei Biographien, die der Autor zu einer verschmolzen hatte und die sich in den achtziger Jahren zutrugen. Eine der Personen arbeitete als Dozent der Philosophie an der Universität in Halle, der andere versuchte sich als Schriftsteller und mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen. Beide verloren aus politischen Gründen ihre Existenzgrundlage, gingen am Gefängnisaufenthalt gerade so vorbei und hörten über Mund zu Mund Propaganda von der Nische Hiddensee.

Sie verbrachten den größten Teil der achtziger Jahre mit Saisonarbeit auf der Insel und trafen auf viele Gleichgesinnte, die anders dachten als von der DDR-Regierung gewünscht. Diese Situation wiederum ermöglichte einen großartigen Austausch. Eine Saison ergab die nächste, überwintert wurde meist in Berlin, man fand sein Auskommen am Rand der Gesellschaft.

Zu DDR-Zeiten erschien Hiddensee ein bißchen exterritorial, ein klein wenig freier als der Rest der Republik. Der weite Blick zur unerreichbaren Nachbarinsel Moen und trotzdem ein fesselloses Lebensgefühl widersprachen sich nicht. Die Abgeschiedenheit und die daraus resultierende Selbstbestimmung, die auf der Insel zu finden waren, ersetzten ein Stück Weltfreiheit und die Robinson-Crusoe-Träume wurden ein bißchen wahr.

Wie den "Dallow-Vorbildern" erging es nicht wenigen unangepaßten Leuten. Manche erlitten ähnlich harte Umstände, andere durften als Nichtparteimitglieder oder Verweigerer des Dienstes an der Waffe von vornherein keinen Studienplatz in Anspruch nehmen und fanden sich in der Saisonarbeit an der Ostseeküste wieder.
Der 1953 in Sangerhausen geborene Wolfgang Wiehart ging Ende der siebziger Jahre nach Berlin, besetzte eine Wohnung, verdingte sich hier und da, fand schließlich eine Anstellung als Kulissenschieber in der Komischen Oper, wo in der Kantine viel von Hiddensee gesprochen wurde. Natürlich entdeckte er bald diese "geschichtenträchtige" Insel mit eigenen Augen. Er lernte auf den legendären Tanzabenden im "Dornbusch" einen Mann kennen, der in der Vitter Buchhandlung arbeitete.

Über die bewährte Mund zu Mund Propaganda ergab sich kurze Zeit später die Saisonarbeit für den Bücherwurm, wie ihn die Hiddenseer liebevoll nannten, im Neuendorfer Buchladen. Bis zur Wende, der dieses Wirkungsfeld leider zum Opfer fiel, traf man den Bücherwurm nun von April bis Oktober als Buchhändler im südlichsten Dorf der Insel an. Bald entwickelte sich die Örtlichkeit zu einem Ort der Begegnungen von Künstlern, Kunstbegeisterten und Saisonkräften.

Die Saisonkräfte, alles Aussteiger aus dem vorgeschriebenen DDR-Alltagstrott, mancher aus politischen Gründen, mancher aus Überdruß, bildeten eine verschworene Gemeinschaft. Diese nahm zwischen den Einheimischen und den Urlaubern eine Sonderstellung ein. Sie avancierte zu etwas Besonderem, weil so ganz anders gelebt wurde, aber sie brachte auch Unruhe auf die Inselenklave.

Hiddensee, umgeben vom Durcheinander der Wellen, galt trotzdem als fester Punkt in einer immer weniger zu überschauenden Brandung. Man konnte verharren dort, konnte Atem schöpfen. Die langen Spaziergänge am Meer, entlang der Steilküste oder Feste mit den Freunden am Strand beim verbotenen Feuer und die legalen und spontanen kulturellen Events ermöglichten es, inmitten von politischen Turbulenzen eine Gelassenheit zu finden.