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Unangepaßt

Unbequem sein oder Der Mut zum Leben

Im Juni 1987 machten die Heyms zum ersten Mal Urlaub auf der Insel Hiddensee. Obwohl der Schriftsteller es nicht vorhatte, ließ er sich spontan zu einer Lesung in der Inselkirche bereden. Sie wurde ein großartiger Erfolg. Die kleine Kirche quoll fast über vor interessierten Besuchern. Er las aus seinen Märchen für erwachsene Kinder. Die Rede ist von Stefan Heym. Alias Helmut Flieg wurde er 1913 in Chemnitz als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren.

Unangepaßt

In Berlin absolvierte er sein Abitur. Schon 1932 erschienen erste Beiträge für verschiedene Berliner Zeitschriften, unter anderem für Ossietzkys WELTBÜHNE. Er begann Philosophie, Germanistik und Zeitungswissenschaften zu studieren. Wegen seiner kritischen Veröffentlichungen nahm er 1933 aus Rücksicht auf seine Familie das Pseudonym Stefan Heym an und floh nach Prag, wo er als Journalist für deutschsprachige und tschechische Zeitungen arbeitete. Der jüdische Vater beging 1935 Selbstmord, andere Familienmitglieder kamen später in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ums Leben.

Heym wanderte in die USA aus und beendete seine Studien 1936 an der Universität von Chicago mit einer Magisterarbeit über Heinrich Heine. Er arbeitete bei verschiedenen Zeitschriften, unter anderem in New York und veröffentlichte 1942 seinen ersten Roman DER FALL GLAENAPP, der sogar als Tornister-Ausgabe für US-Soldaten gefertigt wurde. Ein Jahr später entschied er sich für den Eintritt in die US-Armee und nahm als Sergeant für psychologische Kriegsführung an der Invasion in der Normandie teil.

Er veröffentlichte 1948 den Kriegsroman THE CRUSADERS (deutsch: KREUZFAHRER VON HEUTE, 1950), mit dem er den Durchbruch erzielte. Aus Protest gegen den Koreakrieg 1951/1952 gab Heym der US-Regierung alle militärischen Auszeichnungen zurück und verließ die USA, zunächst über Warschau nach Prag bis er mit seiner amerikanischen Frau nach Ost-Berlin übersiedelte.

Heym, der sich nie als Gegner, sondern als Kritiker des DDR-Regimes verstand, trat keiner Partei bei, wurde jedoch 1954 Mitglied des Vorstands des Deutschen Schriftstellerverbandes. Die erste größere Kontroverse geschah 1956 auf dem IV. Schriftsteller-Kongreß. Auch weiterhin blieben Schwierigkeiten mit der DDR-Regierung wegen kritischer Veröffentlichungen nicht aus. In seinem KÖNIG DAVID BERICHT (1972) thematisiert Heym die Stellung der Intellektuellen zwischen Macht und Wahrheit. Sein Roman COLLIN erschien 1979, von der DDR-Zensur abgelehnt, in der Bundesrepublik, worauf eine Verurteilung wegen "Devisenvergehens" und der Ausschluß aus dem DDR-Schriftstellerverband folgte.

Immer wieder trat er öffentlich für seine Meinung ein, sowohl vor großem Publikum auf dem Berliner Alexanderplatz als auch vor einem kleinen Kreis in der Hiddenseer Inselkirche.

Eine jüngere Generation lebte ebenso unangepaßt in der DDR. Stellvertretend ist hier die Biographie von Paul, Jahrgang 1959, genannt. Sein Markenzeichen ist die Ruhe, die er ausstrahlt und die es schwer macht, seine Mimik zu deuten. Alles eine Art Schutzmechanismus, der sich bis heute kaum aufgelöst hat.

Seine Freunde nennen ihn den Fels in der Brandung. Manchmal irritiert er seine Gesprächspartner durch langes, beharrliches Schweigen und amüsiert selbige kurze Zeit später mit seinem trockenen Humor. Die Schule beendete er unehrenhaft, obwohl er mit hervorragenden Leistungen glänzte. Er konnte sich bestimmten Maßregelungen einfach nicht unterordnen und wurde deshalb häufig der Klasse verwiesen.

Sein Bruder beging als Matrose auf hoher See Republikflucht und so gewährte die Staatsdoktrin Paul den Abschluß des schon begonnen Abiturs nicht. Halbherzig begann der Unbelehrbare seine Baufacharbeiterlehre, erhielt nach drei Jahren seinen Facharbeiterbrief und kündigte anschließend fristlos.

Er zog um, aus der Provinz nach Ostberlin, der Hauptstadt der DDR, besetzte eine Hinterhofwohnung im Prenzlauer Berg und verdingte sich bald in einer Saisonarbeit auf der Insel Hiddensee.

Er arbeitete in einem der vielen Lokale als Küchengehilfe. Paul verbrachte einige Sommer auf der Insel und richtete sich im Winter durch Gelegenheitsjobs in Berlin ein. Irgendwann in dieser Zeit lernte er Paula kennen. Er erinnerte sich nicht mehr genau wann. Wahrscheinlich auf einer der heiß hergehenden Strandparties, die niedrige Löhne, mäßige Unterkünfte, unzählige Überstunden, anstrengende Gäste und unsinnige Sperrgebietsbestimmungen vergessen ließen.

Paul und Paula waren sich ihrer Zusammengehörigkeit noch gar nicht richtig bewußt, als sich schon ein Kind seinen Weg in die Welt bahnte. Zwar kein Wunschkind wurde es dennoch als solches erzogen. Alles wollten sie anders machen als ihre Eltern, und sie taten es auch.

Paul verstand sich als Pazifist, er verweigerte es, als Soldat seinen Wehrdienst zu leisten. Damit lief er Gefahr für zwei Jahre hinter Gefängnismauern weggeschlossen zu werden. Inzwischen nicht mehr nur für sich selbst verantwortlich, sondern auch für Paula und das Kind, entschied er sich zu dem Kompromiß des Bausoldaten. Als solcher nahm er keine Waffe in die Hand. Er forstete Wälder auf, die von Bonzen in Brand geschossen wurden, baute an verschiedenen Projekten mit, schaufelte Schnee im Winter, schleppte Sandsäcke um Überschwemmungen aufzuhalten, nahm an Ernteeinsätzen teil.

Die ganze Zeit befand er sich unter Gleichgesinnten! Nach dem Absolvieren der Zeit als Bausoldat bürgerte der real sozialistisch existierende Staat Paul nebst Paula und Tochter aus. Im hart erarbeiteten Urlaub fuhren sie nun in der Weltgeschichte herum. Doch manchmal blickten sie sehnsüchtig von der Küste der dänischen Insel Moen auf Hiddensees Steilküste, die wie vordem die gegenüberliegende, nun unerreichbar geworden war.

Nach dem Mauerfall eroberten sie sich die kleine Ostseeinsel neu. Auch Stefan Heym erholte sich nun häufig im Sommer auf Hiddensee von den Strapazen politisch-schriftstellerischer Tätigkeit. Er genoß einsame Strandspaziergänge und die Normalität des Berühmtseins auf der Insel. Respektvoll grüßten ihn Hiddenseer und Urlauber. Seine Absicht sich erholen zu wollen, von jedermann akzeptiert. 88jährig starb Heym 2001 in Israel.

Paul lebt inzwischen getrennt von Paula. Er lernte ein Hiddenseemädchen kennen und lieben. Wie schon so viele vor ihnen pendeln sie glücklich, vielleicht bis ans Ende ihrer Tage, zwischen Berlin und Hiddensee hin und her.